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Geschichte
Mit dieser genialen Technik löste Europa im Mittelalter sein Energieproblem
Von Berthold SeewaldFreier Autor Geschichte
Veröffentlicht am 24.04.2022Lesedauer: 3 Minuten

Neben dem Wind konnte Europa seit jeher auf eine weitere natürliche Energieressource bauen, die in großen Mengen vorhanden war: Wasser. Spätestens im 1. Jahrhundert v. Chr. kamen griechische und römische Techniker auf die Idee, Mühlen nicht mehr von menschlicher oder tierischer Kraft anzutreiben, sondern durch fließendes Wasser. Von dem römischen Architekten Vitruv wurde die Konstruktion dieser Maschinen ziemlich genau überliefert.
Vor allem nördlich der Alpen fanden Roms Ingenieure ideale Bedingungen, denn dort trocknen Flüsse und Bäche im Sommer nicht aus. Hier kamen vertikal stehende Antriebsräder mit ausgeklügelten Getrieben zum Einsatz, während sie am Mittelmeer häufig horizontal gelagert waren und direkt die Mühlsteine antrieben. Bei Arles wurden Reste eines antiken Komplexes ausgegraben, der 16 Mühlräder umfasste, die an einem steilen Hang aufgestellt waren.

Die Mühlentechnik überlebte den Untergang des Römischen Reiches und wurde im Mittelalter geradezu zum Motor der Zivilisation. Im Jahr 1086 zählte das „Domesday Book“ für das Königreich England nicht weniger als 5624 Mühlen in 3080 Gemeinden. Im Hochmittelalter geht die Zahl für ganz Europa zweifellos in die Zehntausende, schreibt der Technikhistoriker Marcus Popplow. Denn der Roggen hatte in weiten Gebieten den Weizen als Grundnahrungsmittel abgelöst. Dieses Nacktgetreide eignet sich aber weniger zur Zubereitung von Brei, sondern trieb die Umstellung auf Brotnahrung voran. Um aus Roggen Brot backen zu können, müssen seine Körner aber zuvor gemahlen werden.
Da die Wassermühlen standortgebunden waren, blieben auch Hand- und Tiermühlen in Gebrauch. Eine Sonderform war die Bootsmühle, bei der sich das Rad zwischen zwei Fahrzeugen drehte. In Köln gab es mehr als 30 dieser Anlagen, die die starke Strömung unter den Rheinbrücken nutzten. Auch in Regensburg und anderen Städten sind derartige Konstruktionen belegt.

Gleich in dreifacher Form wurden Mühlen zu Triebfedern des technischen Fortschritts. Zum einen waren oft aufwendige Konstruktionen wie Kanäle, Teiche und Leitungen nötig, um das Wasser auf die Schaufeln zu leiten. Zum Zweiten kamen Tüftler seit dem Hochmittelalter auf die Idee, die Kraft des Wassers durch die Weiterentwicklung von Getrieben auch für andere Arbeiten einzusetzen, etwa zum Schleifen, Sägen, Stampfen oder Pulverisieren von Salpeter, Holzkohle und Schwefel, den Grundbestandteilen des Schwarzpulvers. Auch die Massenherstellung von Papier aus Lumpen wurde durch Mühlen möglich.
Schließlich mussten für derartige Arbeiten immer aufwendigere Maschinenelemente entwickelt werden, die wiederum in den Erfahrungsschatz der Ingenieure eingingen. Denen gelang mit der Konstruktion von Wasserhebeanlagen ein entscheidender Schritt für den Bergbau und damit den Gewinn von Bodenschätzen. Europas Metallreichtum wurde zur Grundlage seines wirtschaftlichen Aufstiegs in der Frühen Neuzeit.

Wassermühlen verlangten auch Pflege durch eine ordentliche Verwaltung. Wasserläufe mussten instand gehalten, die Konkurrenz mit Fischern und Bootsleuten ausbalanciert, Standorte koordiniert werden, damit sich die Müller nicht gegenseitig „das Wasser abgruben“. Territorialherren und Städte waren dadurch gefordert und entwickelten ihr Knowhow.
Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten, vor allem aber die Brotherstellung, sorgten dafür, dass die Wassermühle (und weniger die Windmühle) bis zur Erfindung der Dampfmaschine zum wichtigsten technischen Hilfsmittel Europas wurde. Zwar hatte man leistungsstarke Mühlen auch im China des Altertums erfunden. Aber dort war man beizeiten auf den ertragreichen Reis als wichtigstes Brotgetreide umgestiegen und verzichtete auf die Weiterentwicklung dieser Technologie

